Februar 18, 2016

{Rezension} "Extrem laut und unglaublich nah" von J. S. Foer


Zum Inhalt


Oskar Blum ist altklug und naseweis, hochbegabt und phantasievoll. Eine kleine Nervensäge, die schon mit neun Jahren eine Visitenkarte vorweist, auf der sie sich als Erfinder, Schmuckdesigner und Tamburinspieler ausweist. Vor allem aber ist Oskar todtraurig und tief verstört. Auch noch zwei Jahre nachdem sein Vater beim Angriff auf das World Trade Center ums Leben kam. Nun will er herausfinden, warum Thomas Schell, der ein Juweliergeschäft hatte, sich ausgerechnet an diesem Tag dort aufhielt. Mit seinem Tamburin zieht Oskar durch New York und gerät in aberwitzige Abenteuer.

(Quelle: Amazon)


Meine Meinung


In manchen Büchern könnte ich stundenlang versinken, einfach weil sie so voll von berührenden Worten sind. Zitate, die mich zum Nachdenken anregen, bei denen ich das Gefühl habe, weiter zu kommen, obwohl ich davor noch nicht einmal bemerkt habe, dass ich stehen geblieben bin.
Solch ein Buch ist "Extrem laut und unglaublich nah" für mich.


Gerade wegen der Aufmachung sticht Jonathan Safran Foers Roman sofort aus der Masse. Nicht nur das Cover scheint besonders, auch die oftmals illustrierten Bilder zwischen den Sätzen sprechen für sich. Daumenkino, Zahlencodes, Fotos von verschiedenen Gebäuden oder Menschen, unleserliche Zeilen, Türknäufe, verschiedene Schriftarten oder ein einzelnes "Hilfe" auf einer Seite. All dies macht das Buch zu etwas Besonderem. Die spezielle Aufmachung ist keines Wegs störend, ganz im Gegenteil, sie macht einen Teil der Geschichte aus, gehört wie der Text selbst, zum Roman.

Die Geschichte, die sich hinter den Buchdeckeln verbirgt ist so ganz anders, als alles, was ich bisher gelesen habe. Laut und nah. Emotional und tiefgründig. Todtraurig und gleichzeitig wunderschön. 
Oskar Schells Geschichte hat mich einfach zutiefst berührt. Denn der 9-jährige hat unfassbar schwere Bleifüße, wird beherrscht von einer Trauer, die man in diesem Alter kaum tragen kann. Denn Oskars Vater starb am 11. September 2001. 
Das einzige, was diesen besonderen Jungen neben der Trauer voranzutreiben scheint, ist die Suche nach einem Schloss, zu einem Schlüssel, von dem Oskar denkt, sein Vater hätte ihm diesen hinterlassen. Und somit beginnt Oskars Reise, auf der er nur langsam das Geschehene verarbeiten kann und immer wieder auf die seltsamsten Menschen trifft, deren Vergangenheit jedes Mal aufs neue skurril wirken mag, doch eigentlich so viel mehr verbirgt. Ebenso wirkt auch der Haupthandlungsort, New York. Oskars Suche führt ihn durch die pulsierende Stadt, doch überall scheint er auf die Vergangenheit zu stoßen.

Getragen wird die Handlung von der Art des Jungen, die so ganz anders ist, wie wir sie von Neunjährigen gewohnt sind. Oskar ist voller Wissensdurst, etwas altklug und besserwisserisch und doch unheimlich liebenswert. Durch seine besondere Sicht auf die Dinge und seine Bleifüße (eine Assoziation für Trauer, die im Buch selbst nie konkret benannt wird). Unheimlich schnell schließt man Oskar ins Herz und bemerkt, dass Foers Schreibstil nichts für Zwischendurch ist. "Extrem laut und unglaublich nah" ist ein Roman, den man lange verdauen muss, über den man noch Wochen, wenn nicht Monate nachdenkt.
Denn mögen manche Sätze noch so verworren klingen, lassen sie dem Leser doch Raum für eine eigene Interpretation. Und genau das liebe ich so sehr an diesem Werk.

Neben Oskars Geschichte ist in dem Buch auch noch eine zweite Geschichte zu finden. Die Lebensgeschichte seiner Großeltern. Beide wuchsen zur Zeit des Nationalsozialismus auf und erlebten die Bombadierung in Dresden mit. Ihre Liebesgeschichte ist ebenfalls eine ganz besondere, fern ab von jenen Wegen, die wir kennen. Und ich muss gestehen, hat mich Oskars Erlebnis schon bis unter die Haut berührt, so empfand ich die seiner Großeltern als noch berührender (insofern dies überhaupt möglich ist). Eine Liebe, die auch eben dies versprühte, aber auch Leiden mit sich brachte. Der Verlust um einen Sohn. Unausgesprochene Worte. Nicht sehen wollen.
Foer schaffte es, in mir so viele Emotionen beim Lesen auszulösen, wie kaum ein anderes Buch.
"Extrem laut und unglaublich nah" geht unter die Haut.


Auch wenn der Autor die politischen Themen der Bombadierung und des 11. September nur anschnitt, störte mich das in keinster Weise. Denn eigentlich wissen wir doch alle, was in dieser Zeit geschah und welche Zerstörung diese Tage mit sich brachten. Viel mehr steht der Verlust im Vordergrund. Und das ist es doch, was die Ereignisse auslösten. Verluste, die das Leben der Betroffenen, sowie Oskars und das seiner Familie, prägten.


Letzte Gedanken


Es fällt mir unfassbar schwer, meine letzten Gedanken zu "Extrem laut und unglaublich nah" zusammenzufassen. Das Buch berührt. Geht unter die Haut. Lässt einen nicht mehr los und regt zum Nachdenken an. Skurril und emotional. Wunderschön traurig.
Ein Buch, das man gelesen haben sollte.


Meine Lieblingszitate


"Das Ende des Leidens ist keine Rechtfertigung für das Leiden, und also hat das Leiden nie ein Ende." (S.50)

"Wir brauchen viel größere Hosentaschen, dachte ich, als ich im Bett lag und die Minuten herunterzählte, die ein normaler Mensch zum Einschlafen braucht. Wir brauchen riesengroße Hosentaschen, Hosentaschen für die ganze Familie und alle Freunde und auch die Menschen, die nicht auf unserer Liste stehen, Menschen, denen wir nie begegnet sind, die wir aber trotzdem beschützen wollen." (S.98)

"Zusammen und jeder für sich allein." (S.113)

"Wir legten alles endgültig fest, damit Glück und Frieden ewig währen konnten, und erst am letzten Abend, unserem letzten gemeinsamen Abend, kam die unvermeindliche Frage auf, ich sagte zu ihr: "Etwas", indem ich ihr die Hände aufs Gesicht legte, und wie einen Brautschleier wieder hob. "Wir sind Etwas, oder?" Doch im Innersten meines Herzens wusste ich die Wahrheit." (S.149)


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